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Ausgewählte Publikationen _________________________________________
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Im Handumdrehen (Textauszug) Oft war der Schlaf nach besinnungslosem Kiffen traumlos. Da geriet die darauf folgende Nacht völlig schlaflos. Also absolvierte ich nach Mitternacht freiwillig ne Patrouillenrunde mit einer britischen Einheit durch den zugeteilten Stadtbezirk. Überall waren Hunde. Dutzende und Aberdutzende Köter. Sie fielen bei Eintritt der Dunkelheit in die äußeren Stadtgebiete ein. Die Furchtsamkeit der Menschen ausnützend streunten sie durch verlassene Straßen. Drängten sich durch unbewohnte Gassen. Strolchten über leere Plätze. Woher sie kamen, konnte kein Mensch sagen. Tagsüber zeigten sie sich jedenfalls niemals. Womöglich versteckten sie sich am Tag in Trümmern und Kellern der zerstörten Häuser oder in den Abwasserkanälen bei den Ratten. Vielleicht aber existierten sie in Wirklichkeit gar nicht. Weil sie nämlich keine Hunde, sondern Geistererscheinungen von Hunden waren. Sie nahmen bei Nacht Gestalt an. Ahmten die Menschen nach, von denen sie getötet wurden. Wie die Menschen teilten sie sich in hasserfüllte Gangs auf. Wie die Menschen hatten sie nur im Sinn sich zu zerfleischen. Und der monotone Ritus vollzog sich stets unter dem gleichen Vorwand: Eroberung von Trottoirs oder Boulevards. Die waren der Essensreste und der faulenden Abfälle wegen besonders wertvoll für sie. Sie rückten gemächlich vor. In Patrouillen. Angeführt von einem Patrouillenboss. Der gefährlichste und größte Hund. Lange Zeit konnte man sie überhaupt nicht wahrnehmen. So gemächlich und lautlos stießen sie vor. Mit der Taktik von Soldaten. Schweigend um sich spähend heranrobben. Sich auf den Feind stürzen und ihn zerfleischen. Unvermittelt aber stieß der Patrouillenboss ein Heulen aus. Ähnlich dem Geschmetter einer Fanfare, die zum Angriff bläst. Diesem Heulen folgte ein weiteres Heulen. Dann ein neuerliches. Darin fiel das gemeinsame Gebell des Rudels ein. Es bildete einen Kreis. Schloss das gegnerische Rudel ein. Belagerte es, dass an Flucht nicht zu denken war. Und nun brach die Hölle los. Angreifer und Angegriffene wälzten sich lauthals knurrend und fauchend in dem fauligen Unrat. Sie schlugen ihre Fangzähne in Kehlen und Rücken. Bissen sich gegenseitig in Augen und Ohren und Nasen. Rissen sich die Bäuche auf. Ihr Wutgejaule und Angstgekläff war ohrenbetäubender als Waffengetöse. Unwichtig, welches Gefecht die Nacht zerriss. Unwichtig, welche Männer zusammenstießen. Mit Höllenspektakel brachten sich die Hunde wegen des Besitzes von Trottoir und Boulevard gegenseitig um. Das Getöse übertraf explodierende Bomben, krepierende Handgranaten, aufschlagende Raketen, dumpfes Mörserdonnern, ja das Hämmern der Artillerie. Es gab kein Verschnaufen. Nicht eine Atempause. Bis der Himmel allmählich zur kardinalroten Erhellung des Morgens hinüberzudämmern begann. Dann entschwanden die Gangs unter dem verblassenden Halbmond. Ließen riesige fette Blutlachen und Kadaver besiegter Mitstreiter zurück. Erst jetzt war wieder das Kriegsgeknatter der Gewehrschüsse, der Handgranaten und Bomben zu vernehmen. Doch genau in diesem Augenblick setzte ein neues, nicht weniger schauriges Spektakel ein. Und zwar das der Hähne. Sie hatten wahnsinnig vor Angst jedes Zeitgefühl verloren. Statt den Sonnenaufgang zu verkünden, schrieen sie sich die immer heiserer werdenden Kehlen aus dem Leib. Mit ihrem Gekrähe beantworteten sie das kriegerische Getöse. Eine Handgranatenexplosion - ein Kikeriki. Ein Pistolenschuss - ein Kikeriki. Ein Raketenaufschlag - ein Kikeriki. Peng-Baaf-Bumm-Kikeriki - verzweifelt, terrorisiert, menschlich. Ein Mehrfach-Schluchzer der Geschöpfe, aus dem man das Wort "Hilfe" herauszuhören glaubte. "Hi-hi-hilfe! Hi-hi-hilfe!" Myriaden von Hähnen. Man könnte meinen, jedes Haus, jeder Hof, jede Terrasse beherbergte einen verrückt gewordenen Hahn in einem Tollhaus von Hühnerstall. Und jeder einzelne Hahn lebte nur, um seinen quälenden Wahn hinauszuschreien. Vielleicht war es aber doch nicht die Auflehnung eines in Wahnwitz versetzten Hühnerstalls. Sondern vielmehr der Wahnsinn dieser Stadt. Die anhaltenden Qualen dieses grotesken Ortes. Die aktuellen Militärkarten gaben ihn mit dem Kürzel 12-C1-VY-443405-Q2 an. Zone 12, Band C1, Planquadrat VY, Koordinaten 44/34 im Jahr 07 mit der Quote 2 gleich Kommandostützpunkt des britischen Truppenkontingents in Bagdad. Mir wurde bewusst, dass ich wieder auf meiner Pritsche unter Zeltleinwand lag. Ich lauschte. Konnte einfach nicht einschlafen. Jedes Kikeriki widerte mich an. Verzog mir meine untere Gesichtshälfte zu einer verbitterten Grimasse. Wie ich diese verdammten Hähne hasste. Unwillkürlich musste ich beim Anblick eines von ihnen immer den Kopf abwenden. Damit ich ihn bloß nicht ansehen musste. Für die Hunde hingegen empfand ich eine Art finstere Neugierde. Auch sie ließen einen nicht an sich herankommen. Von weitem nahmst du gerade mal undeutliche Umrisse von ihnen wahr. Gewissermaßen den Schatten eines Schattens, der im Begriff war sich aufzulösen, noch bevor du ihn richtig gesehen hattest. Es war wie bei der Träumerei, wenn du versuchst, dir deine Freundin vorzustellen. Ihr Bild verschwimmt, ehe dir deine Vorstellungskraft ihr Aussehen vor deinen inneren Augen konkretisiert hat. Währenddessen irren deine Gedanken ab zu so Absonderlichkeiten wie streunenden Kötern und irrwitzig krähenden Gockeln. "Allah akbar, Allah akbar, Allah akbar! Wah Muhammad rassullillah! Inna shahada rassullillah ... Gott ist groß, Gott ist groß, Gott ist groß! Und Mohammed sein Prophet! Wahrlich ich sage euch, er ist sein Prophet ..." Die Stimme des Muezzins fiel aus quäkenden Lautsprechern vom Minarett der Moschee in der Ausfallstraße nach Felluja herab. Vermischte sich mit dem Heulen der streunenden Hunde, dem Kikeriki der wahnsinnig gewordenen Hähne, dem scharfen Donnern der Bombenexplosionen. Der Gebetsrufer modulierte seine klagende Kantilene. Ließ seine Stimme anschwellen. Psalmodierte mysteriöse Gebote und das Frühgebet, das dem Morgengrauen voransteht. Jäh schreckte ich zusammen. Fünf Uhr früh! Ein bisschen wenigstens musste ich mich ausruhen. Ich knipste die Taschenlampe aus. Klappte die Augenlider zu. Stellte mir meine Freundin vor. Es wollte mir nicht gelingen. Paar Minuten später döste ich gedankenleer im Halbschlaf vor mich hin. So, als habe der Muezzin die Gebetsaufforderung beim Morgengrauen irgendeines beliebigen Tages herausgesungen. Einem Tag wie jedem anderen in Bagdad. Norfran Schaaf
auch zu lesen in DICHTUNGSRING Nr. 35 2007 Zeitschrift für Literatur, Bonn, S. 138 _________________________________________
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TV-Studioprobe "Dargestellt wird die buddhistische Guanyin von einer jungen Dame, Freundin des Regisseurdarstellers. Katia Kasten-Katzberger hat in ihrer stoischen Art durchgedrückt, die Figur zu spielen." Da Rainer Pfahle, Darsteller gleichzeitig wie Regisseur, den Zuschauerraum betritt, beginnt auf der Studiobühne der aktuellen Motto-Show die Probe für das Bild Nackte Wahrheit. Ein nicht mehr junger, reicher Mensch, den er spielt, hat in Tibet eine Götterstatue erstanden, eine Guanyin, eine weibliche Gottheit mit der Eigenschaft, sich zu bewegen, sooft jemand lügt. Was der Besitzer allein wahrzunehmen vermag. Je dicker die Lüge, desto heftiger die Bewegung. Der reiche Mensch gibt eine Party, reichlich viel Leute sind da, gesprochen wird, was überall auf solchen Partys angesagt ist. Das Götzenbild zuckt, rührt sich, immer geschwinder, immer ungestümer, wedelt, hüpft, tanzt. Dargestellt wird die buddhistische Guanyin von einer jungen Dame, Freundin des Regisseurdarstellers. Katia Kasten-Katzberger hat in ihrer stoischen Art durchgedrückt, die Figur zu spielen. Sie ist nicht ohne eine gewisse krampfige Anmut, dazu langgliedrig, etwas grotesk. Rainer Pfahle ist wenig zufrieden, mäkelt herum. Die Regieassistentin bleibt gelassen. Der Kameramann sieht, mit wie viel Mühe. Man weiß, warum Rainer Pfahle sich erlaubt, ihr gegenüber rotzig aufzutreten. Weil seltsamerweise sie als einzige durch das Aufsehen über die Veröffentlichungen ernstlich ramponiert scheint. Wohl waren auch ihre beiden Viten, jede mit eigenem Ghostwriter notiert, zunächst wegen Persönlichkeitsverletzung Dritter gescheitert, später mit Auslassungen erlaubt und auch Katia Kasten-Katzberger im unbehelligten Genuss eines Ranges auf der Bestsellerliste, wenn auch unter ferner liefen, doch während von allen anderen der Medienschmutz der Widersacher wirkungslos abgefallen ist, bleibt er an ihr hängen. Ohne fasslichen Grund. Sie allein bleibt bemakelt. Die Society, ihr Kreis, die Szene, Leute, denen sie Gefälligkeiten mancher Art erwiesen, zeigen ihr die kalte Schulter. Keine kleine Brise hat sie mehr in den Segeln, alle spüren das. Natürlich spürt es auch Rainer Pfahle. Zeigt es. Katia ist diskutabel als buddhistische Guanyin. Ohne das alberne Gewäsch in den Medien, in der Gesellschaft würde auch Rainer Pfahle sie diskutabel finden. Bewusst ist ihr das, bewusst auch, dass nun, wenn er sie indiskutabel findet, dies nicht nur böser Wille ist, vielmehr überzeugung. Sie hat manches erlebt, kennt die Welt, an der sie eigentlich nichts auszusetzen hat, ist auch damit einverstanden, dass an den Erfolglosen strengeres Maß angelegt wird. Rainer Pfahle schikaniert. Seine helle Stimme kommt grell wie die eines Riesenbabys aus dem Lautsprecher. Katia Kasten-Katzberger bewegt sich heftig, probiert die Szene stoisch immer von neuem, bis Rainer Pfahle das Regiepult verlässt, die Bühne erklimmt, mit grimmiger Miene, gefährlich leise, anmerkt, man werde das Bild wohl streichen müssen. Katia Kasten-Katzberger macht Anstalten aufzubegehren, der Regisseur, großartig auf der Bühne, im vielfältigen Scheinwerferlicht, kehrt das zerknitterte Gesicht dem Dunkel zu, im Begriff zu schreien, sich bezwingend, äußert, man werde sich darüber später schlüssig. Gibt der Musik ein Zeichen. Melodien zur Zither erklingen. Rainer Pfahle vertauscht seine Sandaletten umständlich gegen feste, genagelte Schuhe. Beginnt zu tanzen. Tanzt einen landesüblichen Stampftanz, schuhplattelt. Hüpft, schlägt sich die Oberschenkel, das Gesäß, stampft. Schlägt sich die Schuhsohlen. Greift sich die junge Frau. Umkreist sie, hüpfend, stampfend, balzend, während sie den Arm überm Kopf hochhebt. In linkisch-geschmeidiger Grazie. Seine wasserblauen, pfiffigen tiefliegenden Augen verstrahlen ungeheure Lust, sein Blondhaar fliegt, grotesk umflattern ihn die langen kunstledernen Rockschöße, derweil er sich Schenkel, Gesäß und Sohlen schlägt. Er tanzt mit roher Hingabe, schamlos. Alle hören auf zu reden, sehen dem Regisseur zu, wie er besessen, drollig, ungeheuer eindeutig herumstampft. Seiner Tänzerin den Rücken kehrt. Immer tanzend, während sie zu den anderen Mitspielern geht, nähert er sich der burschikosen Regieassistentin, verneigt sich. Das Mädchen lächelt, ein wenig geniert, zaudert. Dann legt es ihre Schreibsachen nieder, macht die leicht zu erfassenden Drehungen, merkwürdig umtanzt von dem schlaksigen Regisseurdarsteller. Er scheint unermüdlich. Immer neue Variationen fallen ihm ein. Man schaut ihm, blasiert, krampfartig zuckend mit verschränkten Armen Katia Kasten-Katzberger, grinsend, Hände in die Hüften gestemmt, sich wiegend die anderen, zu. Norfran Schaaf ~10/2003
auch zu lesen in Zarathustras Kaschemme Magazin für exzentrische Literatur _________________________________________
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Antikriegslied ... im letzten Kriege ... falls irgendwann nach jüngsten Schüssen gottgnädig Herrscher wieder sich küssen falls Männer des Staates, Männer der Presse voll wieder nehmen ihre große Fresse falls der Frauen und der Kinder Gejammer dringt hinter dem Hauswirt aus der Kammer falls Führer, Richter und Oberlehrer nicht mehr als eigenen Landes Mehrer am Kirchenportal und am Stammtisch prahlen stattdessen dreifache Steuern zahlen falls die Männer, die vormaligen Helden, als Krüppel umsonst sich nach Arbeit melden falls auf den Gräbern im Westen und Osten morschen die Steine und Kreuze und Pfosten dann, Leute, ruft es tief aus der Erde: einmal noch Krieg, damit Frieden werde ein letztes Mal Krieg, ein Krieg dem Kriege ein Krieg dem Wahnsinn, ein Krieg der Lüge dann, Leute, allenfalls, vorwärts zum Siege ... Norfran Schaaf Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichts - Ausgewählte Werke Band VI und Frankfurter Bibliothek - Jahrbuch für das Neue Gedicht 2003 _________________________________________ |
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Klage der Arbeiterinnen Globale Klage der Arbeiterinnen oder neudeutsch Global Lament Rap of the Workwomen Wir fertigen Schuhe, nähen Kleider und Putz Sind indes selbst halbnackt und verschmutzt. Weil: Unser Entgelt ist weitaus nicht genug Er kauft unsereinem weder Fleisch noch Tuch. Einteilen wir ganz genau und voller Angst Unser täglich Brot, doch zu keiner Zeit langt's, Morgens zu wenig, noch weniger zur Nacht. Und wer von uns drei Dollar am Tage macht, Dünkt sich eine Dame, ja eine Herzogin, Doch drei Dollar, das langt nicht her und nicht hin. Dabei wird, wer den miesen Lohn uns bereitet, Reich von dem, was unsereins erarbeitet. Man treibt uns trotzdem und hetzt immerzu Und lässt uns auch in der Nacht keine Ruh. Und wenn eine von uns todmüde mal eindöst, Gleich ist er da und schlägt uns und stößt. Wir besitzen das Elend, wir sind in der Hölle Wir armen Mädchen vor des Reichtums Schwelle. Norfran Schaaf Bibliothek deutschsprachiger Gedichte - Ausgewählte Werke Band VII |